Lesung und Evangelium

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Erstes Buch Samuel 17,32-33.37.40-51.
In jenen Tagen sagte David zu Saul: Niemand soll wegen des Philisters den Mut sinken lassen. Dein Knecht wird hingehen und mit diesem Philister kämpfen.
Saul erwiderte ihm: Du kannst nicht zu diesem Philister hingehen, um mit ihm zu kämpfen; du bist zu jung, er aber ist ein Krieger seit seiner Jugend.
Und David sagte weiter: Der HERR, der mich aus der Gewalt des Löwen und des Bären gerettet hat, wird mich auch aus der Gewalt dieses Philisters retten. Da antwortete Saul David: Geh, der HERR sei mit dir.
David nahm seinen Stock in die Hand, suchte sich fünf glatte Steine aus dem Bach und legte sie in die Hirtentasche, die er bei sich hatte, in den Vorratsbeutel. Die Schleuder in der Hand, ging er auf den Philister zu.
Der Philister kam immer näher an David heran; sein Schildträger schritt vor ihm her.
Als der Philister aufblickte und David sah, verachtete er ihn, denn er war jung, rötlich und von schöner Gestalt.
Der Philister sagte zu David: Bin ich denn ein Hund, dass du mit einem Stock zu mir kommst? Und er verfluchte David bei seinen Göttern.
Er rief David zu: Komm nur her zu mir, ich werde dein Fleisch den Vögeln des Himmels und den wilden Tieren geben.
David antwortete dem Philister: Du kommst zu mir mit Schwert, Speer und Sichelschwert, ich aber komme zu dir im Namen des HERRN der Heerscharen, des Gottes der Schlachtreihen Israels, den du verhöhnt hast.
Heute wird dich der HERR mir ausliefern. Ich werde dich erschlagen und dir den Kopf abhauen. Die Leichen des Heeres der Philister werde ich noch heute den Vögeln des Himmels und den wilden Tieren geben. Alle Welt soll erkennen, dass Israel einen Gott hat.
Auch alle, die hier versammelt sind, sollen erkennen, dass der HERR nicht durch Schwert und Speer Rettung verschafft; denn es ist ein Krieg des HERRN und er wird euch in unsere Hand geben.
Als der Philister weiter vorrückte und immer näher an David herankam, lief auch David schnell auf die Schlachtreihe zu, dem Philister entgegen.
Er griff in seine Hirtentasche, nahm einen Stein heraus, schleuderte ihn ab und traf den Philister an der Stirn. Der Stein drang in die Stirn ein und der Philister fiel mit dem Gesicht zu Boden.
So besiegte David den Philister mit einer Schleuder und einem Stein; er traf den Philister und tötete ihn, ohne ein Schwert in der Hand zu haben.
Dann lief David hin und trat neben den Philister. Er ergriff sein Schwert, zog es aus der Scheide, tötete ihn und schlug ihm den Kopf ab. Als die Philister sahen, dass ihr starker Mann tot war, flohen sie.
Psalmen 144(143),1.2abc.9-10.
Kv: Gelobt sei der Herr, der mein Fels ist.
Gepriesen sei der HERR, mein Fels, der meine Hände den Kampf lehrt, meine Finger den Krieg!
Er, meine Huld und meine Festung,
meine Burg und mein Retter,
mein Schild, dem ich vertraue.
Gott, ein neues Lied will ich dir singen, auf der zehnsaitigen Harfe will ich dir spielen,

dir, der den Königen Sieg verleiht, der David, seinen Knecht, vom Schwert des Unheils befreit.
Aus dem Heiligen Evangelium nach Markus 3,1-6.
In jener Zeit als Jesus wieder in die Synagoge ging, war dort ein Mann mit einer verdorrten Hand.
Und sie gaben Acht, ob Jesus ihn am Sabbat heilen werde; sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn.
Da sagte er zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte!
Und zu den anderen sagte er: Was ist am Sabbat erlaubt – Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen.
Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz, und sagte zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus und seine Hand wurde wiederhergestellt.
Da gingen die Pharisäer hinaus und fassten zusammen mit den Anhängern des Herodes den Beschluss, Jesus umzubringen.
Lektionar. Rechte: staeko.net
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Im Namen des Vaters Sohnes und Heiligen Geistes

Vum Geheimnis des Lebens

Vor Tagen saß ich auf der überdachten Terrasse im Garten. Vor mir zeigten dunkelrote Dahlien ihre Blütenstände, daneben behauptete sich eine üppig weiß-grün aufgeblühte Annabell. Die meditative Stille weckte Erinnerungen an meine betende Großmutter, an Marienlieder und die Worte „DEUS CARITAS EST“. Dann beglückten mich Gedanken über Gott unseren Vater, der Quelle aller Wahrheit, und die Worte „DEUS VERITAS EST“. Diese Erfahrungen machten mich sprachlos. Erst einige Tage später fand ich nach anfänglichem Zögern die Sprache wieder, als mich ein Freund aufforderte, dieses Ereignis zu beschreiben. Ich hoffe dass meine Schilderung und die Gedanken hierzu, die Würde des Erlebnisses bewahren:
Kurz nach seiner Geburt vor vier Wochen, lag unser jüngster Enkel Max auf meiner Brust. Als bedürftiges, lebendiges Wesen, wurde auch ich einst in das Geheimnis des Lebens geboren. Danach bargen und behüteten mich die Familie, und im Jahresreigen die Kräfte und Schönheit der Natur. Im Schutz und Segen der Kirche entfalteten sich die Beziehungen zu Menschen, Welt und Gott. Durch das Geschenk der Sinne und Sprache verständigte ich mich mit anderen Menschen in Schule, Studium und Beruf und Bildung, über Freud und Leid, die Aufgaben, den Sinn, die Ordnungen und Geheimnisse des Lebens. Ich lernte die Gewalt des Bösen, Schuld und Vergebung, und das Gute in Gestalten der Liebe kennen. Mein Leben war nun ein Teil der Geschichte aller Menschen und Geschöpfe vor uns, mit und nach uns: Der Dank an Gott für den Reichtum des Lebens, veranlasste mich, Verantwortung zu übernehmen: In Familie, Gesellschaft und Kirche durfte ich viele Jahre die Kenntnisse in Psychologie, Philosophie und Theologie zum Wohl der Menschen einsetzen. Ich folgte dem Herzen auch als Schriftsteller durch die Schilderung der Geheimnisse und die Bedeutung von Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, von Kunst und Musik, im menschlichen Leben. Im höheren Lebensalter dominierten in der Sorge um die Nachkommen die existenziellen, ethischen und religiöse, das ganze Leben betreffenden Themen.
Im Nachdenken über die entscheidenden Wendungen und Fügungen in meinem Leben, erkannte ich, wie sich alle Ereignisse, zu einer persönlichen Geschichte zusammenfügten, die ich einige Jahrzehnte mit anderen Menschen teilen durfte. Trotz aller Katastrophen, Schrecken und Gewalten, habe ich die Grundmelodie des Lebens als Liebe und Freundschaft, Vertrauen in gemeinsame Werte, und die Freude an Kunst, Musik und Religion im Herzen bewahrt. Alle Texte, die ich schrieb und noch schreiben werde, sind Ausdruck eines Dankes an den Komponisten unserer Lebenssymphonie, den verehrungswürdigen Choreographen des vielfältigen Lebens. Die eingangs erwähnte Erschütterung unter dem Dach unseres Hauses, verstehe ich als Ausdruck einer Sehnsucht nach der Quelle, der wir alle Liebe und Erkenntnis, verdanken. Es ist Gott, der Schöpfer und Erhalter allen Lebens, der in SEINEM Sohn und Heiligen Geist Allgegenwärtige. ER, der die WAHRHEIT und LIEBE ist, lässt sich von uns im Glauben und Hoffen Lieben verehren, und will uns einst in SEINE ewigen Wohnungen aufnehmen.

Geborgen in der Kirche
Geborgen im Glauben Hoffen und Lieben.

Trostworte

Geliebter Vater, Sohn und Heiliger Geist, erleuchte unser Herz und die Sinne, um von DIR Herrlichster, Wunderbarster Quelle ewiger Liebe, demütig anbetend zu reden. Vor, in und nach aller Zeit, bist DU Vater als Weltenschöpfer, in Einheit mit DEINEM Sohn und dem Heiligen Geist, der eine und verehrungswürdigste Ursprung allen Seins, und dereinst unser gnädiger Richter. DU hast uns in all DEINEN Werken, in den Heiligen Schriften und durch DEINE Kirche, DEINE Liebe geoffenbart, die Pflege der Natur anvertraut, und uns die Sehnsucht nach DIR geschenkt. DU hast uns auch in die Dienste der Kirche und Menschheitsfamilie berufen, um DEINE Herrlichkeit allen Völkern, bis DU wieder kommst zum Gericht, zu verkünden. Im Heiligen Geist hast DU uns befähigt, als Kinder,.Söhne und Töchter, DEINE Zeugen und Mitarbeiter in der Welt zu sein. DEIN Heiliger Wille soll sich in unserem und im Leben mit der Kirche, in DEINEM Reich der Gerechtigkeit und des Friedens, als Einladung im Glauben Hoffen und Lieben, zu allen Menschen und Geschöpfen bewähren. Er verpflichtet uns, Wahrheit und Lüge, Gut und Böse im Lichte des Gewissens zu unterscheiden, und Gott zu geben was IHM, und dem Staat, den Familien und der Gesellschaft, was ihnen gebührt. Prüfen wir, als getaufte und gefirmte Christen, in Verantwortung für unseren Glauben, die gegenwärtigen Ereignisse in unserer Menschheitsfamilie:

Unser Glaube half mir schon einmal, im und nach dem Dritten Reich, zu unterscheiden, was Gott und was dem damaligen Führer gebührt. Ich musste auch die Folgen eines seiner Grundrechte beraubten Volkes ertragen. Umso mehr schätze ich, die in den demokratischen westlichen Gesellschaften tradierten Werte, und die freie Meinungsäußerung. Bei autokratisch ausgerichteten Völkern, würde mir dies unter Androhung von Strafen, wie einst im Dritten Reich, verboten. Ich versuche daher in Ergänzung eines Beitrages zur „Lagebeurteilung“, den Unterschied zwischen Demokratien und Autokratien weiter zu verdeutlichen:

Wie wir erkennen können, hat Putin seine Macht über die Propaganda benutzt, um einen gigantischen Truppenaufmarsch Russlands und Weißrusslands an der Grenze zur Ukraine als Manöver zu behaupten. Die durch nichts zu rechtfertigende Invasion, und sein brutaler Krieg, in der Ukraine hat aber zu einem bewundernswerten Widerstand geführt, und bei den westlichen Verbündeten, ein Sanktionspacket und eine zuvor nicht so deutliche Geschlossenheit und Verteidigungsbereitschaft der in der Nato Verbündeten ausgelöst. Die auf Lügen aufgebaute Propaganda Putins, kann selbst in Russland angesichts der vielen Flüchtlinge und Toten, und der zerstörten Infrastruktur in der Ukraine, nur durch eine Lügenpropaganda und brutale Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit im eigenen Land, aufrecht erhalten werden. Zu erkennen ist aber, dass Putin durch diesen Krieg weltweit massiv an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Der Westen versucht in Reaktion durch abgestimmte Diplomatie und eine erheblich militärische Nachrüstung der Nato an der Ostflanke. ein Übergreifen des Krieges auf Gebiete der Natoverbündeten zu verhindern. In einem Punkt hat sich Putin aber sicher getäuscht. Die NATO scheint geschlossener als je zuvor, die Sanktionen wirken, und die Ukraine verhinderte bisher mit westlicher Unterstützung, das weiter Vordringen der Russen. In Summe der erkennbaren Ereignisse, hat Putin seine Ziele noch nicht erreicht. Zu beklagen sind aber die menschlichen Opfer, die hohen Kosten, die Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen in Kultur, Handel und Wirtschaft, und die Tatsache, dass Friedensbemühungen bisher erfolglos blieben.
Aus christlicher Sicht können wir aber fest darauf vertrauen dass Gott unser Schöpfer die Quelle allen Lebens und alles Guten die Menschen aller Zeiten liebt, sich auch unser erbarmt, die Schuld vergibt, um uns den wahren Frieden und die Versöhnung mit IHM und allen Brüdern und Schwestern zu schenken, wenn wir IHN darum bitten. Erinnern wir uns daran, dass ER uns durch das Leben, den Tod und die Auferstehung SEINES Sohnes, Sühne für alle Schuld und Sünde geleistet hat, sodass auch wir einander vergeben und im Reich SEINER Gerechtigkeit und des Friedens mit einander leben können. Bitten wir Gott unseren Vater, dass ER uns mit SEINEM Sohn und dem Heiligen Geist vor allen Übeln an Leib und Seele verschone, und danken wir IHM für alles, was wir sind und haben, dass ER uns im Heiligen Geist zu SEINEN Kindern, Söhnen und Töchtern macht, die in der Menschheitsfamilie als Versöhnte in Frieden mit einander leben dürfen. Unser Schöpfer will keinen Krieg, sondern ER ermutigt uns durch SEINE Liebe, dass wir IHM und einander in Sorge und Verantwortung auch für das ewige Leben dienen. Bedenken wir, was der Vater gelitten haben musste, um SEINEN Sohn für uns zu opfern, und wie sehr uns der Herr Jesus Christus liebt, der unsere Schuld am Kreuz sühnte, dann hat uns der Heilige Geist schon jetzt getröstet, und in der Hoffnung gestärkt, dass es möglich ist, einander als Versöhnte im Namen Gottes zu vergeben, und zu SEINER Ehre, als Erlöste mit einander im Frieden unsere Wege zu gehen. Der Vater Sohn und Heilige Geist gebe uns hierzu SEINEN Segen!

Heilig heilig heili heilig ist der Herr

Traumdeutung

Wir alle werden älter, das ist der nicht zu vermeidende Lauf der Zeit. Jedes Lebensalter hat aber die ihm zukommenden Aufgaben für uns. Den Menschen in sehr hohem Lebensalter sind spezifische Aufgaben gestellt: Das „Hobellied“ lässt diese Lebensmelodie anklingen und besingt die Tatsache, dass das Schicksal einmal alle gleich hobelt, und wir am Lebensende der Welt ade sagend, unseren Hobel aus der Hand legen müssen.

Ich hatte folgenden Traum: Ich befand mich in einer Prüfung zur Mathematik. Einen ersten Teil hatte ich absolviert und wurde zu meiner Überraschung mit der Note sehr gut dafür belohnt. Der zweite Teil musste aus technischen Gründen wiederholt werden. Da zu erwarten war, dafür neue Prüfungsunterlagen zu bekommen, hatte ich einen Teil meiner Unterlagen in Schnitzel zerrissen. Wir mussten aber die alten Unterlagen wieder verwenden. Obwohl mir einige Freunde bei der Ordnung halfen reichte meine Zeit nicht, aus den Schnitzeln wieder Seiten zu gestalten, und die Unterlagen zur nachfolgenden Prüfung zu ordnen. Im Traum führte das zu erheblichem Stress.

Mein Deutungsansatz: Im höheren Lebensalter bin ich dabei nach meinem Berufsleben als Schriftsteller die für die Nachwelt wichtigen
Lebenserfahrungen zu veröffentlichen. Ich verfüge über reichlich Aufzeichnungen. Wie im Hobellied werde ich meinen Hobel zur Stunde Gottes, wie alle Menschen, aus der Hand legen müssen. Die Frage entsteht damit praktisch: „Wie gehe ich mit der verfügbaren Zeit um, um Stress möglichst zu vermeiden.“ Der obige Traum scheint mir zu raten, jeden Tag als Gottes Geschenk in Ruhe zu nutzen, und mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Dies in der sicheren Gewissheit, dass auch ich, wie alle Menschen vor und nach mir, nicht mehr alles erledigen kann, was mir möglich wäre, wenn ich länger leben dürfte, als Gott es in SEINER Weisheit für mich für gut findet. Wie im Hobellied, werde ich daher dem Schicksal seinen Lauf lassen, bis zu dem mir, wie allen Menschen bestimmten Lebensende, um dann der Welt ade zu sagen und den Hobel aus der Hand zu geben. Gott schenke uns allen die Gnade, in Ruhe solange uns Zeit bleibt zu wirken, und alles, was übrig bleiben muss, der Nachwelt zu überlassen.

Traum-Relität-Wünsche

Vielleicht haben Sie sich gelegentlich auch schon gefragt, ob Träume wirklich nur Schäume sind, ob es eine lupenreine, von jeglicher Subjektivität befreite „Realität“ gibt, wie es sich mit unerfüllbar scheinenden Wünschen verhält, oder ob es im Leben auch ein Zusammenspiel von Träumen, Realität und Wünschen geben könnte? Gelegentlich braucht es aber einen Anstoß, um sich mit derartigen Fragen zu befassen: Zur Abklärung eines Beschwerdebildes befand ich mich wenige Tage im Krankenhaus. Ich erlebte die Mitpatienten, Ärzte und Schwestern als ein in jeder Hinsicht besorgtes Team. Es stand an, noch einmal Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dies hatte den verständlichen Wunsch ausgelöst, alles gut zu überstehen, und zu einem Nachdenken geführt, wie ich die aktuelle Lebenssituation der Gesundheit dienlich gestalten könnte. Ein Traum und eine Theaterszene in denen es auch um Herzenswünsche ging, schienen damit in Zusammenhang zu stehen: In diesem Traum befand ich mich in der Situation des bekannten, von Edvard Munch gemalten Bildes, als sei ich der weit geöffnete Mund, der über mein Befinden hinaus, die Klagen und Nöte aller Menschen in der Hoffnung auf Gehör hinausschreit. Auch bei einer Aufführung von Goethes Faust, wurde ein Herzenswunsch deutlich: In den letzten Szenen stellt Goethe dar, wie der nach Erkenntnis strebende Faust, in einem erschütternden Ruf nach Gretchen, seinen Wunsch zu lieben und geliebt zu werden zu erkennen gibt. Zwei Szenen, die uns zeigen, dass wie Augustinus sagt, unser Herz über das Menschen Mögliche hinaus unruhig ist, bis es Ruhe findet in Gott.

Könnten auch wir, geblendet vom Wissen, oft nicht mehr in der Lage sein, zu bemerken, dass wir über alle unsere Begegnungen und Behausungen im Dasein hinaus, ständig Gott unseren Schöpfer, dessen Abbild wir sind, wie ein verlorenes Gesicht suchen? IHN, den HEILIGEN, der uns in hohen Stunden des Lebens, wie in der Szene am Dornbusch, oder im respektvollen Miteinander, schon hier auf Erden einen Vorgeschmack auf die ewigen Wohnungen geben will? Seit über zweitausend Jahren, bezeugt uns die Kirche, dass diese Hoffnung nicht trügt, Gott selbst uns entgegenkommt, und in der alles verbindenden Liebe des Gottessohnes Jesus Christus, ein menschliches Gesicht hat. Wie tröstlich ist es dann, dass der dreifaltige Gott durch IHN, mit IHM und in IHM in unsere Geschichte eintritt, um als Weg, Wahrheit und Leben, ständig bei uns zu sein. ER, der Herr, dem Ehre gebührt, der die Macht hat zu sagen, wer sucht, der findet, wer anklopft, dem wird aufgetan, wer bittet, der empfängt. Wann geschieht das? Eben jetzt, und in jedem Augenblick göttlicher Zeitrechnung. Kennt doch der Geliebte auch all unser Kreuz und Ungemach und weiß, dass wir ohne IHN nichts vermögen. ER kann, wenn wir IHN bitten, alles Tote und Gottferne in uns, und in dieser Welt zu neuem Leben erwecken, und unsere nach Liebe hungernden und dürstenden Herzen wirklich sättigen. Gibt es daher einen ernstlichen Grund, der Hybris des Wissens so zu erliegen, dass wir es nicht mehr wagen, darüber hinaus Gott unsere unerfüllbar erscheinenden Wünsche für die Welt, und Kirche ans Herz zu legen? Und sollten wir unseren Gott, der die Liebe ist, und uns ständig besuchen will, nicht gern einlassen, wenn ER bittend vor unserer Herzenstüre steht, nicht öffnen, wenn der ALLMÄCHTIGE anklopft, IHM nicht wie ein Kind entgegen stürmen, wenn der Vater uns die Ehre SEINER Gegenwart erweisen will? Guter Herr, möchte ich mit Ihnen antworten: Wir sind zwar nicht würdig, aber halte DU uns in DEINER Nähe, und in Liebe vereint, damit wir allzeit in Wort und Tat Deine frohen Zeugen bleiben.

Gottesgabe die Zeit

Spiegel-Phänomene

Unser Enkel sieht ein Bild auf dem sich Häuser im Wasser spiegeln. Auf die Frage „wer macht das?“ antwortet die Mutter „die Maler“. Die Mutter frägt „wer hat unser Haus gemacht?“ Pause – und gibt selbst die Antwort: „die Handwerker“. Der Opa erinnert sich an den Religionsphilosophen Welte, dessen Fragen „was ist das?“, und erkennt in der Spiegelung ein bedenkenswertes Phänomen: Wir erzählen fragenden Kindern Geschichten, und erklären ihnen die Welt. Das Fragen der Kinder setzt sich fort in der Neugier der Erwachsenen, und den jeweiligen Antworten, in Bildung und Wissenschaft. Wir bauen so an unserem Haus der Wissenschaft, durch Berichte über Erfahrungen in dankenswerte Bildung weiter. Auch die Erfahrung unserer Eltern und das Wissen der Menschen die vor uns lebten spiegeln sich in Bildung und Wissenschaft wieder. Der Philosoph fragt: „Was zeigen uns diese Spiegelungen?“ und antwortet: Wir Menschen spiegeln einander, bewusst oder unbewusst, als Teile des Ganzen unserer Erfahrung. Der Tod scheint bei vielen Erkanntnissen eine Grenze zu bilden. Die Frage des Enkels „wer macht das“ führt aber weiter zu Phänomen des Sehens, Hörens, Redens, Fragens. Antwortens, Denkens und allen Spiegelns, an die Grenze allen Wissens.

Der Theologe schiebt die Frage des Enkels nicht zur Seite. Er ist berührt von der Tatsache dass wir einander durch Spiegelung Erfahrungen auch derer weitergeben, die vor uns lebten. In aller Spiegelung, dem Fragen, Suchen, der Neugier und allen Phänomenen im Makro- und Mikrokosmos erkennt er das Spiegelbild eines Schöpfers, jenseits allen Wissens und Erfahrens. Er verneigt sich vor Phänomen religiöser Tradition, dem Schöpfer, der sich in aller Spiegelung, christlich in Phänomenen des Glaubens Hoffens und Liebens offenbart. Möge uns diese Betrachtung über die Frage des Enkels „wer macht das? Zur Frage des Parmenides „warum gibt es das und nicht nichts?“, und zum christlichen Dank an den Schöpfer und Erhalter aller Phänomene des Universums, im Glauben Hoffen und Lieben führen.

 

 

Tagesgebet

Herr und Gott, DU unser aller Vater, Sohn und Heiliger Geist, hilf uns zu leben, beten und reden. Lebenslang, bei mir sind es über 96 Jahre, bist DU Tag und Nacht die Kraft aus der wir leben. DIR verdanken wir alles, was wir sind und haben. DU bist der Kosmos ewiger Gegenwart und Lebensschöpfung, der uns vor allem Bösen bewahrt. DU bist unser Glaube, die Hoffnung und Liebe, der Ort unseres Betens, Preisens Dankens, die Kirche in uns, um uns und über uns. DIR verdanken wir diesen heiligen Tempel, DEIN Reich der Gerechtigkeit und des Friedens. Wir sind DEINE Bausteine durch die DU DEINEM Reich auf Erden, in unserer und aller Zeit. sichtbare Gestalt verleihst. Wir dürfen dieser welt- und zeitumfassenden Kirche, DEINEM durch DICH geheiligten VOLK angehören. Mit allmächtiger, allgegenwärtiger, allerheiligsten Stimme, sprichst DU Herrlicher, in all DEINEN Werken, und im Wirken in unseren Herzen und Sinnen mit uns.

Alles Gute, unser Leben, Leib, Seele und Geist verdanken wir DIR, denn ohne DICH gibt es NICHTS. Du gibst allem Bestand in der Zeit, DU bist die heilige Einheit, in aller Vielfalt DEINER Werke und DEINER Gestalten im Universum DEINER Liebe. Bewahre und vermehre unsere Liebe zu DIR, zu allen DEINEN Geschöpfen, und unseren Brüdern und Schwestern in dieser Welt. Lass uns o Gott in DEINEM Segen mit einander in Gerechtigkeit und Frieden leben. DU herrlicher Gott unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lässt, uns ahnen und erleben, dass DU jetzt schon in allem was es gibt, das ewige Leben bist, das DU für uns, nach unserem Tod, nach DEINEM Willen zur allerheiligsten ewigen Heimat bereitet hast.
Du kannst alles, was zu unserem Heil auf Erden nötig und möglich ist, vom Tode auferwecken, und ins österliche Leben in DEINER alles umspannenden, lebendigen und heiligen Kirche verwandeln. DU bist unser Altar, um den wir uns mit Maria, unserer Mutter, in Verbindung mit allen Lebewesen und Geschöpfen, unserer Heimat auf Erden, vor Dir Vater. Sohn und Heiliger Geist, zur Anbetung und zum Liebesgebet versammeln. Lass unser ganzes Leben zu einem Gottesdienst und Zeichen DEINES ewigen Bundes mit allen Geschöpfen im Himmel und auf Erden werden. Großer Gott wir loben DICH, Herr wir preisen DEINE Stärke. Vor DIR beugt die Erde sich und bewundert DEINE Werke. Wie DU warst vor aller Zeit, so bleibst DU in Ewigkeit. Alle Tage wollen wir DICH und DEINEM Namen preisen, und zu allen Zeiten DIR Ehre, Lob und Dank erweisen. Rette aus Sünden, rette aus Not. Sei uns gnädig Herre Gott.

Dank Lob Ehre Herrlichkeit dem Vater Sohn und Heiligen Geist

Srudium in Freiburg

Je mehr wir uns dem Ende unseres Aufenthaltes im Spätberufenen- Seminar St. Pirmin in Sasbach bei Achern näherten, desto mehr drängten sich Fragen auf, ob wir nach bestandenem Abitur, auch den Anforderungen eines Studiums der Katholischen Theologie, an der Universität in Freiburg genügen würden: Mit gemischten Gefühlen folgten wir Pirminer der Einladung zu einem Besuch nach Freiburg in das Collegium Borromaeum, um den künftigen Studien- und Wohnort näher kennen zu lernen. Herr Rektor Oberle hatte mich beauftragt, für die Einladung und den dortigen Empfang zu danken. Ich wünschte sehr, dass es mir gelingen würde, hierzu die passenden Worte und den rechten Ton zu finden. Die ersten Eindrücke bei der Ankunft in Freiburg schienen die Befürchtungen zu bestätigen, dass uns nicht nur ein schmerzlicher Abschied von St. Pirmin und der Region um Sasbach, sondern auch ein schwieriger Anfang im Priesterseminar Collegium Borromaeum bevorstand. Dieser Eindruck bestätigte sich, als wir den Unterschied zwischen dem einladend wirkenden Seminargebäude in Sasbach und dem geschlossenen Gebäudekomplex des Collegium Borromaeum in Freiburg sahen.

An die der Öffentlichkeit zugängliche, damals etwas düster wirkende Seminarkirche, mit dem, überlebensgroßen Christus-Fresko hinter dem Altar, schloss sich das von ußen ebenso streng wirkende Collegium in der Schoferstrasse, mit dem wuchtigen Eingansportal und der das Grundstück umfriedenden hohen Mauer an. Gegenüber baute sich, wie ein allen Stürmen trotzendes „Bauwerk“, das Erzbischöfliche Ordinariat mit der von vielen romanisierten Fenstern durchbrochenen Fassade auf. In zeitlichem Abstand betrachtet, legten sich mir und auch anderen Freunden des Kurses, damals ahnungsvoll, erste Schatten auf die Seele, denn es stellten sich uns unvermutet mehr Fragen als wir beantworten konnten. Zum Glück hellte sich unsere Stimmung beim Betreten des Hauses ein wenig auf, denn eine an der Pforte tätige ältere Schwester, wies uns freundlich den Weg zum Speisesaal, als würden wir schon erwartet. Mit etwas wackligen Knien schritt ich auf den großen, nicht nur zu unserem Empfang auf Hochglanz polierten Fließen, durch einen hellen, hohen Flur, zum „Refektorium“. Dort angekommen, konnte ich, wenn eine Person den Raum verließ, durch den Türspalt, in den überdimensionierten Speisesaal schauen. Zur Rechten sah man eine Schar schwarz gekleideter Herren an einer langen Tafel sitzen. Ein kurzer Rundblick ließ erahnen, dass auch, wenn wir uns dazu zählten, noch viele Alumnen in dem reichlich großen Raum Platz gefunden hätten. Die Zeit bis wir aufgefordert wurden einzutreten, nutzte ich dazu, mir nochmals zu überlegen, was ich als Sprecher des Kurses in dieser für uns ungewohnten Situation, zum Dank sagen könnte. Ich war mir aber in einem wichtigen Punkt nicht ganz sicher: Uns war zu Ohren gekommen, dass der Direktor des Collegiums, ein strenges Regiment führe. Er stammte aus dem südlichen Teil des Schwarzwaldes, dem Hotzenwald. Aus dem Umgang mit den eigenen Verwandten, wusste ich nur zu gut, dass „Hotzenwälder“ manchmal sehr dickschädelig sein können. Aus diesem Grund wurde vermutlich der Direktor unter den Priesteramtskandidaten nur „Hotz“ genannt. Irgendwie kamen mir zum Glück vor dem Betreten des Speisesaales erhebliche Zweifel, ob dies sein wirklicher Name sein könne?

Wie zu erwarten, waren im Priesterseminar hilfreiche Schutzengel anzutreffen. Mir lief jedenfalls im passenden Augenblick auf dem Flur ein Herr in „Schwarz mit Römerkragen“ über den Weg. Diese Gelegenheit, mich zu vergewissern, wie ich den Direktor ansprechen sollte, ließ ich mir nicht entgehen. Kurz entschlossen, sprach ich den Herrn in „Schwarz“ an, und sagte: „Darf ich Ihnen eine Frage stellen“? Er antwortete: „Wenn ich sie beantworten kann, gern“. Durch das freundliche Lächeln meines Gegenübers ermuntert, fuhr ich fort: „Ich bin beauftragt, uns beim Direktor des Collegiums für die Einladung zu diesem Besuch, und den freundlichen Empfang zu bedanken. Leider bin ich mir aber nicht sicher, ob er wirklich den Namen „Hotz“ trägt, wie ich es von Seminaristen hörte?“ Der Mann in „Schwarz mit Römerkragen“ schien sehr bemüht, die Form zu wahren, als er mir, das Lachen unterdrückend, antwortete: „Unser Direktor trägt den Namen Huber. „Hotz“ ist sein Spitzname. So wird er von den Seminaristen genannt“. Ich bedankte mich für die Auskunft, und aufatmend auch bei meinem persönlichen Schutzengel, der mir, wie so oft im Leben, wieder einmal hilfreich zur Seite stand. Der Mann in „Schwarz mit Römerkragen“ kehrte mir nun auffallend rasch den Rücken zu, und lief davon. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Nach dieser Begegnung habe ich mich schon oft gefragt, welches „Gelächter“ entstanden wäre, wenn ich, mit der Anrede „sehr geehrter Herr Hotz“, die Ansprache im Refektorium begonnen hätte. Wie wäre der verblüffte Direktor mit dieser Überraschung zu Recht gekommen? Auch ich wäre verdutzt dagestanden, ohne zu ahnen, was die hier versammelten Theologen so überschäumend amüsierte. Diese Blamage blieb mir aber erspart. Im Gegenteil: Die Dankesrede kam an, und wurde mit freundlichem Beifall belohnt. Der Schreck musste mir aber gründlich in die Glieder gefahren sein, denn ich erinnerte mich später kaum an die Mahlzeit, und nur lückenhaft an die anschließende Führung.

Einige Wochen blieben uns noch, um von St. Pirmin, den Menschen dort und der vertrauten Region Abschied zu nehmen. Wir hatten diese Zeit auch nötig, um uns auf das Studium in Freiburg und das neue „Zuhause“ im Collegium-Borromaeum einzustellen. Die Frage, ob meine Fähigkeiten ausreichen würden, um den Anforderungen des Studiums zu genügen, bedrängte mich manchmal? Als ich aber den künftigen Lebensweg bedachte, tröstete mich die Tatsache, dass ich ja auch trotz gelegentlicher Zweifel am Erfolg, in der Lage war, im Jahr 1967 das Abitur zu bestehen. Damals war ich immerhin schon siebenunddreißig Jahre alt. Einst war ich einmal der jüngste Stadtrat und nun der älteste Abiturient Baden-Württembergs. Es gab genügend Anlass zum Dank für den bisher erfolgreich verlaufenen Weg, und berechtigte Hoffnung, auch den künftigen Aufgaben gewachsen zu sein. Die frohe Erwartung, nun bald an der Universität durch das Studium der Katholischen Theologie mehr, über unseren Glauben und dessen Bedeutung in unsere Gesellschaft erfahren zu dürfen, ließen alle kleinlichen Bedenken zurücktreten. Einige Voraussetzungen, die ich mitbrachte, stützten meine Hoffnung, mit Gottes Hilfe auch die anstehenden Aufgaben bewältigen zu können. Ich konnte darauf vertrauen, dass mein bisheriger Glaube, die Lebenserfahrungen und intensive Vorbereitung in St. Pirmin, bei den weiteren Studien ab und zu hilfreich sein könnten. Außerdem gab es manche mir wohl gesonnene Menschen, mit deren Hilfe und Gebet, ich auch weiterhin rechnen durfte. Unter diesen Bedingungen lockte das Studium der Theologie und Philosophie vehement.

Liebe Leser, es ist mir wichtig, Ihnen die Studienzeit in Freiburg so nahe zu bringen, dass sowohl die dort erworbenen Kenntnisse, als auch die Personen, die sie uns vermittelten, in ihrer Bedeutung erkannt werden können. Ich bitte daher den Heiligen Geist, wie im Stundengebet mit den Worten: „Herr, öffne meinen Mund, mein Herz, und alle meine Sinne, Dich zu preisen!“ Im August 1967 erreichten mich zwei wichtige Nachrichten: Ein Brief, der mich darüber informierte, dass ich unter die Kandidaten der Theologie der Erzdiözese Freiburg aufgenommen wurde, und eine Einladung zu Exerzitien, gehalten von Dr. Klaus Hemmerle. Wir neuen „Alumnen“ trafen mit unseren Habseligkeiten zum festgelegten Zeitpunkt im „CB“, wie das Collegium Borromaeum unter den Kandidaten genannt wurde, ein. Groß genug war mein Zimmer: Ein Kleiderschrank, das Bett, ein Tisch und Stuhl aus älterem Bestand, bildeten die Einrichtung. Ich versuchte, mit etwas Dekor und einigen Büchern, dem Raum eine minimale persönliche Note zu geben. Albert, der wie ich, schon bessere Zeiten gesehen hatte, besuchte mich. Er hatte offensichtlich auch noch wenig Durchblick, und den Wunsch, sich zu orientieren. Dass dieses Gespräch der Anfang einer lebenslang bestehenden Freundschaft sein könnte, war nicht voraus zu sehen. Ein nachfolgender Gegenbesuch in seinem Zimmer überzeugte mich davon, dass wir nicht weit von einander, unter gleichen Bedingungen untergebracht waren. Zum Glück stellte sich bald heraus, dass sich nicht nur unser bescheidenes Mobiliar ähnelte, sondern dass sich auch unsere Einstellungen in manchen Punkten deckten. Ich war froh, durch Albert eine erste mitfühlende Seele in neuer Umgebung gefunden zu haben.

Unseren Exerzitienmeister Dr. Klaus Hemmerle kannte ich schon lange. Er war Jahre zuvor Vikar in meiner Heimatpfarrei St. Josef in Rheinfelden. Ich habe ihn, als groß gewachsenen Mann, mit einer markanten Nase und so schlank in Erinnerung, dass er Mitleid erregte, und man ihm einige Pfunde mehr wünschte. Er hatte seine helle Freude daran, andere Menschen mit Wortspielen zu ergötzen. Diese Technik war aber so eingefleischt, dass ihm verdrehte Sätze auch bei feierlichen Anlässen aus dem Munde purzelten. Der Leser stelle sich einmal vor: Hemmerle hielt eine Fastenpredigt in Rheinfelden, und sprach lauthals von „Jesus, der in Kesseln gefettet war“. Wer konnte da noch andächtig bleiben? Er drückte seine Hirtensorge auch gelegentlich in der Frage aus, die ihm der Herr einst stellen werde: „Hemmerle, Hemmerle, wo sind Deine Lämmerle?“ Wir begegneten einander noch viele Male, bis er als Bischof von Aachen, leider viel zu früh, sterben musste. Auf einem Photo, das auf meinem Schreibtisch steht, schaut er mich, von Krankheit gezeichnet, sehr ernst an. Ich erinnere mich nicht mehr an Einzelheiten der Vorträge die er uns Alumnen während der Exerzitien hielt. Er führte uns aber, selbst sichtlich betroffen, auf so hohem geistigem Niveau an die zentralen Geheimnisse des Lebens und Sterbens Jesu heran, dass ich, berührt von seinen Worten, diese Exerzitien nie mehr vergessen konnte.

Am zweiten November 1967 begann ich mit dem Studium an der Universität in Freiburg. Der tägliche Weg führte am Münster, mit den Marktständen, und den schon von weitem appetitlich lockenden Würsten vorbei. Oft bewunderte ich die Menschen, deren Glauben und Kunstfertigkeit uns diesen einmaligen Kirchenbau mit seinem figuralen Schmuck der Portale, den kunstvoll gestalteten Fassaden, den vielen Wasserspeiern, und dem prächtig ausgestatteten Innenraum mit den wunderschönen gotischen Fenstern, hinterlassen haben. Das Freiburger Münster zeigte sich, Stein für Stein als ein Gotteshaus, das uns vom Staunen zum Beten führte, dessen mächtiger Turm mit seiner filigranen Spitze wie ein Finger Gottes, aus der Zeit in die Ewigkeit wies. Dieser kunstvolle Bau, der die Wirren des letzten Krieges überstand, war aber auch ein den Glauben stärkendes Zeichen der Zusage Gottes, dass die Pforten der Hölle seine Kirche nicht zu überwältigen vermögen. Ich frage mich oft in unseren unruhigen Tagen, wie es heute um die Bedeutung der Katholischen Kirche und deren Beitrag zur Sicherung christlicher Grundwerte in unserem Land, in Europa und weltweit bestellt ist? Kann es Christen gleichgültig sein, wenn unsere Kirchen geschlossen oder anderen Zwecken zugeführt werden, und Minarette die Aufgabe übernehmen, uns an Gottes Gegenwart zu erinnern? Sollten wir nicht unseren Bischöfen und Priestern brüderlich beistehen, wenn sie die Gläubigen aufrütteln und mahnende Worte wagen.

Vor Jahren lernte ich den früheren Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch kennen und schätzen. Zu meiner Zeit war er noch Repetitor im Collegium Borromaeum in Freiburg. Ich konnte damals nicht ahnen, auf welche Weise unsere Wege sich später kreuzen würden. Die Tagespost vom 2.2.10 berichtete über seine Predigt anlässlich des Karlsfestes im Aachener Dom, in der er die Auflösung, wenn nicht gar Zerstörung christlicher Grundwerte beklagte, und in Rückbesinnung auf unsere christlich-abendländische Kultur, verantworteten Glauben forderte, um der religiösen Gleichgültigkeit und dem praktischen Agnostizismus die Stirn zu bieten. Ich staune immer wieder, wie Gottes Liebe Menschen formt, und auf große Aufgaben vorbereitet: Der äußeren Erscheinung nach war Erzbischof Zollitsch schlank geblieben. Davon konnte ich mich überzeugen, als wir uns nach langer Zeit bei einer Veranstaltung der Welte-Gesellschaft in Freiburg wieder begegneten. Er möge mir verzeihen, dass ich ihm bei einem Versuch, mich vorzustellen, versehentlich versicherte, ich hätte ihn vor Jahren im CB kennen gelernt, während er dort als „Präfekt“ tätig war. Er wehrte dieses Ansinnen mit Recht energisch ab. Mittlerweile ist mir der kleine Unterschied zwischen dem Rang eines Präfekten und seiner damals ausgeübten Aufgabe als „Repetitor“ wieder voll bewusst.

Eine Person, die mich vom ersten Augenblick an faszinierte, war der Religionsphilosoph Bernhard Welte. Wenn er mit seiner markanten Stimme in einem bis auf den letzten Platz besetzten Hörsaal dozierte, und ab und zu den Kopf in den Nacken warf, um sich mit einem Blick nach oben zu vergewissern, dass er noch „auf der Spur des Ewigen sei“, hätte man ein Blatt Papier hören können, das zu Boden fiel. Wir Studenten hingen an seinen Lippen, wie Durstige, die das klare Wasser der Wahrheit brauchten. Er verstand es, scheinbar selbstverständliche Phänomene noch einmal wie neu zu betrachten. Mit der Frage „was ist das“ nahm er uns mit auf einen Weg, der auf hohem, geistigem Niveau, immer mehr von einer vorder- zu einer hinter- und tiefgründigeren Betrachtung des Gegenstandes der Untersuchung führte. Wenn wir seinem Vortrag auch nicht immer sofort zu folgen vermochten, so prägte sich doch die Art und Weise in der er die Untersuchung durchführte, die Gedanken vortrug, und die Betroffenheit, mit der er im Umkreis des „Heiligen“ um Worte rang, tief in unsere Seelen ein. In zeitlichem Abstand hierzu blieb er für mich vorbildlich, wenn es galt, Glauben und Vernunft miteinander zu versöhnen. In seinen Schriften erwies er sich als ein engagierter Brückenbauer, der es verstand, die Bedeutung philosophischen Denkens zu erschließen und zu verantwortlichem, eigenem Nachdenken anzuregen. Ich freue mich, dass sein umfangreiches Werk über die Welte-Gesellschaft, in einer Gesamtausgabe eine würdigende Verbreitung erfährt. Es ist sicher kein Zufall, dass mich mein Lebensweg auch mit seinen Schülern zusammenführte:

Dem Dogmatiker Prof. Dr. Hünermann begegnete ich erstmals in Freiburg. Man erkannte ihn unterwegs, wenn er rank und schlank, zügig ausschritt, an seiner Baskenmütze. Mit einem entwaffnenden, bei jeder passenden Gelegenheit aufblitzenden Lächeln, und seiner klugen, zum Ziel führenden Argumentation, strahlte er bei seinen Vorlesungen eine vitale, reflektierte Frömmigkeit aus. Sein lebhaftes Mienenspiel und die sprechenden Gesten begleiteten den Vortrag. Er verstand es, komplexe Zusammenhänge auf das Wesentliche zu reduzieren, und verständlich darzulegen. Den Vorlesungen war eine gewisse Leichtigkeit zu eigen, die seine Hörer ermutigte, sich den angesprochenen Texten angstfrei zuzuwenden. Professor Hünermann fand in seiner unbekümmerten Art, bei den Studenten Anklang. Weder er noch ich konnten damals ahnen, welche Bedeutung seine Vorlesungen über das Examen hinaus in meinem Leben haben würden: Die ewig aktuelle Frage des „Parmenides: „Warum gibt es etwas und nicht nichts“ und andere ontologischen Grundfragen des christlichen Glaubens und der Offenbarung, beschäftigten mich permanent bis heute. Der damalige Anstoß zur kritischen Reflexion der Gotteslehre bei Aristoteles, führte mich zur Frage, ob wir ohne Schaden zu nehmen, die Gedanken Platons, Aristoteles, der Vorsokratiker und deren philosophische Wirkungsgeschichte ausklammern könnten? Anhand der von Karl Jaspers vertretenen Existenzphilosophie, lernten wir den philosophischen vom religiösen Glauben zu unterscheiden. Auch der von Anselm von Canterbury in den Schriften „ Proslogion und de veritate“ ausgeführte Gedanke, dass „Gott etwas sei, über den hinaus nichts Größeres gedacht werden könne“ behielt, wenn es um Aspekte möglicher Gottesbeweise ging, bis in unsere Tage, seine Bedeutung. Während meiner weiteren Studien an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, begegnete ich Prof. Hünermann wieder. Er hielt damals, als Studentenseelsorger, sehr lebendige Gottesdienste mit aufbauenden Predigten in der Dominikaner-Kirche. In geistiger Freundschaft verfolgte ich über viele Jahre sein Engagement im universitären und kirchlichen Bereich und bei Veranstaltungen der Welte-Gesellschaft. Ab und zu kam es zu einem Telefongespräch, wenn ich sein Lächeln nötig hatte, um schwerer verdauliche Speise bei römischen Vorgaben, in mein katholisches Weltbild zu integrieren. Ohne diese Vorgeschichte, über die wir wie selbstverständlich nie miteinander redeten, hätte ich sein umfangreiches Werk zum zweiten Vatikanischen Konzil sicher nicht in meine Bibliothek eingestellt. Ich bin tief beeindruckt, dass er dem Vernehmen nach, noch in hohem Alter, in Erfurt eine für die Kirche der ehemaligen Ostgebiete bedeutsame Aufgabe übernahm, um Vorschläge zu erarbeiten, wie den dort anstehenden Problemen künftiger Glaubenssicherung, strukturell begegnet werden könnte. Die „stille Freundschaft“ mit Prof. Hünermann über viele Jahre ermunterte mich, unverdrossen, das mir Mögliche beizutragen, um der Katholischen Kirche ein freundlich-einladendes Gesicht zu geben; und die Notleidenden unserer Tage mit einem dankbaren Lächeln im Glauben zu bestärken.

Auf jede Vorlesung des Alttestamentlers Prof. Alfons Deissler, habe ich mich erwartungsvoll gefreut. Als junger Altstudent mit einiger Lebenserfahrung, entdeckte ich in ihm auf Anhieb das „Besondere“; seine Fähigkeit, der ewig jungen Wahrheit des Glaubens Gehör zu verschaffen. Wenn er ans Podium trat, schien es, als habe er lange zuvor die Worte, die er ehrfürchtig und kraftvoll aussprach, bei sich erwogen. Die Worte aus seinem Munde zu Ehren Gottes, legten auch bei seinen Hörern ein Verlangen frei, sich dem „Heiligen“ ehrfurchtsvoll zu nähern. Seine Exegese über „ausgewählte Psalmen“ und „das Buch Hosea“, sprang wie ein Funke auf uns über. Ich konnte diesem modernen Propheten leider nie sagen, wie wichtig mir damals seine Andacht, Demut und sein Glaubenszeugnis waren, und bis auf den heutigen Tag geblieben sind. Ich bin nicht der Einzige, den er mit seinem Auftreten und seinen, bis in die Sprachlosigkeit hineinwirkenden Worten beschenkte: In dem 1989 im Herder-Verlag zu seinem 75. Geburtstag erschienenen Buch „Der Weg zum Menschen“, bezeugen viele Editoren, Autoren und Gratulanten, was sie Alfons Deissler verdanken. Auf dem Photo in diesem Band schaut er mit einem leisen, lebenserfahrenen Lächeln durch die Betrachter hindurch, als wolle er auch dadurch, auf einen menschenfreundlichen Gott verweisen. Ich machte mir das einleitende Zitat von Bischof Klaus Hemmerle zu eigen, mit dem er Deissler in seinen religionsphilosophischen Beitrag charakterisierte und ehrte: Es hieß dort: „Wohl kein anderes Schriftwort steht für mich in so dichter Beziehung zu Alfons Deissler wie Mi 6,8. Er übersetzte den Vers wie folgt: „Man hat dir (bereits) verkündet, o Mensch, was gut ist und Jahwe an dir sucht: nichts anderes als Gerechtigkeit üben, den Brudersinn (hesed) lieben, und in Dienmut wandern mit deinem Gott“. Dieser liebenswürdigen Aufforderung habe ich nichts hinzu zu fügen.

Zu einer ernsten Belastungsprobe meiner Glaubensüberzeugungen kam es, als der vertretungsweise in Freiburg lehrende Professor Riedl uns in seiner Vorlesung „Einleitung zum Neuen Testament“ mit aktuellen exegetischen Befunden konfrontierte. Damals habe ich mir bereits die Frage gestellt, ob die historisch-kritische Betrachtung, dem im Evangelium verbürgten Gottes Wort, der Frohbotschaft für alle Menschen, angemessen ist? Wie kann man sich erkühnen, nach zweitausend Jahren Kirchengeschichte, und sorgfältiger Überlieferung der Heiligen Schrift, in der Suche nach dem „Sitz im Leben“ zu entscheiden, welche Worte der Herr wirklich sagte, und was als zeitgeschichtliche oder sonstige Einkleidung für den Glauben unerheblich sei? Zum ersten Mal ging es für mich um entscheidende Fragen. Ich war schockiert und sah meinen bewährten Glauben bedroht, wenn ich diesen exegetischen Auffassungen folgte. Die Befürchtung stellte sich ein, dass ich beim weiteren Studium in anderen theologischen Disziplinen mit ähnlich befremdlichen Überraschungen konfrontiert werden könnte. Glaube in einem das Leben tragenden, existenziellen Vollzug, und theologische Wissenschaft, waren für mich von da an nicht mehr fraglos deckungsgleich. Ich war gefordert, genau hin zu sehen, was gelehrt wird, kritisch und wach zu bleiben, um unseren Glauben und das Evangelium vor Schaden zu bewahren und notfalls unter allen Umständen zu verteidigen. Die Mittel hierzu waren aber noch sehr bescheiden. In dieser Situation wandte ich mich wieder im Gebet an Gott den Herrn, der seine Kirche treulich durch die Jahrhunderte führte, mit der Bitte. ER möge sie und unseren Glauben auch in Zukunft beschützen. Vorerst war ich aber gewarnt.

Die von Professor Franzen 1965 im Herder-Verlag erschienene „Kleine Kirchengeschichte“, und die ergänzenden Vorlesungen über die alte Kirche von den Anfängen bis Gregor dem Großen, von dort zur Reformation, und darüber hinaus bis zur Gegenwart, ermutigten mich sehr. Der Katholischen Kirche, die trotz stärkster Bedrohungen, verlustreichen Glaubenskämpfen, und schmerzlichen Spaltungen, eine zweitausendjährige Geschichte überlebte, traute ich zu, dass sie Mittel und Wege finden werde, die Anfeindungen und Herausforderungen in unseren Tagen und in Zukunft zu bestehen. Große Heilige, Kirchenführer und unzählige treue Christen folgten der Aufforderung des Herrn: „Ihr werdet meine Zeugen sein!“ Ihnen allen, auch Professor Franzen schulde ich Dank. Er hat mir ja eine erste Brücke zum tieferen Verständnis der Kirchengeschichte im jeweiligen historischen Umfeld vermittelt. Es ist nicht zu übersehen, wie steinig der Weg unserer Kirche durch die Zeit war, und dass viele menschliche Schwächen und Schuld ihr Pilgerkleid beschmutzten. Dies kann aber nicht verdecken, welcher Segen für die Menschen von dieser „armen Kirche“ unter Gottes Beistand ausgegangen ist. Möge es uns vergönnt sein, mit ihrer Hilfe unseren Glauben auch in dem zusammenwachsenden Europa und überall auf der Welt zum Wohle aller Menschen unversehrt weiter zu geben.

In einigem Abstand zu den Ereignissen in Freiburg, die immer wieder von Semesterferien unterbrochen, reichlich Zeit ließen, um in der heimatlichen Umgebung, vertraute Menschen zu erleben, verlor auch das Leben im Collegium Borromaeum seine anfänglichen dunklen Seiten. Die Gottesdienste in der Seminarkirche und im Münster, die sich anbahnenden Freundschaften, die städtische Betriebsamkeit Freiburgs, und ab und zu eine leckere Wurst als Zwischenverpflegung vor dem Münster, lockerten das von mir ernstlich betriebene Studium auf. Selbst das gegenüberliegende Erzbischöfliche Ordinariat stand ab zu für eine Weile im Sonnenlicht. Mühten sich doch dort auch engagierte Christen mit vielen schwierigen Fragen, Entscheidungen und Planungen zum Wohle der Diözese ab. Die Zeit rückte näher, um vom Collegium Borromaeum, der Universität und dem inzwischen vertrauten Freiburg mit seinem schönen Münster, Abschied zu nehmen. Die anfänglichen Fragen, ob ich in der Lage wäre, den Anforderungen des Studiums der Katholischen Theologie zu genügen, waren abgeklungen. Das ordentliche Ergebnis der abschließenden Prüfungen, erlaubte keinen Zweifel, dass ich beim Wechsel zur Universität in Münster das Theologie-Studium in der „Externitas“ erfolgreich fortsetzen könnte. Lediglich der Wohnortwechsel in das mir nicht bekannte Münsterland, und die Frage, wie ich als „Süddeutscher“ dort überleben könnte, beunruhigten mich gelegentlich. Beim Studium an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, entdeckte ich meinen unersättlichen Hunger nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Geborgenheit im katholischen Glauben. Wie ein Schwamm sog ich alles auf, was mir das Leben im Seminar und an der Universität an Anregungen hierzu bot. In einer großen Offenheit und wenn nötig kritisch, strebte ich nach wahrer Erkenntnis, und einem umfassenden Verständnis unseres katholischen Glaubens. Ich freute mich darauf, meinem Ziel Priester zu werden, auch in Münster ein Stück näher zu kommen. Über die folgenden, entscheidungsreichen Jahre, werde ich in einem nächsten Beitrag berichten.

Geborgen in der Kirche
Geborgen im Glauben Hoffen und Lieben.

 

 

 

 

 

St. Pirmin-Erinnerung

Das Spätberufenen-Seminar St. Pirmin in Sasbach, hatte im April 2009 zum 50-jährigen Bestehen eingeladen. Aus diesem Anlass feierten wir ehemaligen Abiturienten, Lehrer und die heutigen Schüler, mit dem Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, einen Dank-Gottesdienst. In erfreulich großer Zahl kamen die Geladenen. Die festlich geschmückte Kirche reichte nicht aus, um »Pirminern und Lehrern« Platz zu bieten. Eine Bild- und Tonübertragung ermöglichte es aber, allen Gästen an der Eucharistiefeier teilzunehmen. Der christlich-humanistische Geist, der Schüler und Lehrer bis zum heutigen Tag verbindet, lässt hoffen, dass St. Pirmin auch in Zukunft eine prägende, katholische Bildungseinrichtung bleibt. Wir ehemaligen Schüler begrüßten daher die feste Zusage des Erzbischofs, und Vorsitzenden der Deutschen-Bischofskonferenz, das Seminar auch in Zukunft zu erhalten und zu fördern. Kräftiger Beifall drückte Dank, Verbundenheit mit unserer Schule, und die Hoffnung, auf deren weiteres segensreiches Wirken unter dem Schutz St. Pirmins aus. Prof. Dr. Münk, ein Klassenkamerad, übernahm es, in seinem Festvortrag aufzuzeigen, wie dringlich wissenschaftliche Beiträge zur aktuellen Werte- und Ethikdiskussion in unserer Gesellschaft aus christlicher Sicht sind. Auch seine Laufbahn als Hochschullehrer, nahm einmal, wie bei uns allen, ihren Anfang mit dem Abitur in Sasbach.

Vor Jahren verabschiedete sich unser Kurs mit dem Reifezeugnis in Händen, von St. Pirmin. Unvergesslich blieb aber die Zeit, die wir in tragender Gemeinschaft auf dem Weg zum Abitur in Sasbach erlebten. Es sind Freundschaften entstanden, die sich auch in den Jahren danach bewährten, und uns mit einander und allen, die uns halfen, dieses Ziel zu erreichen, verbinden. Eine Inschrift über der Heimschule Lender, die jeder Pirminer kennt, bringt das Wesentliche auf den Punkt. Sie lautet in goldenen Lettern: »INITIUM SAPIENTIAE TIMOR DOMINI«. Lange bevor das Spätberufenen-Seminar gebaut wurde und auch noch heute, grüßt dieser prägnante Text den Betrachter. Er begegnete mir zum ersten Mal, als ich 1962 mit zweiunddreißig Jahren, in die Untertertia von St. Pirmin eintrat. Diese Inschrift, die wir mit zunehmenden Kenntnissen in Latein verstehen lernten, hat nichts von ihrer Kraft und Bedeutung verloren. Bei jedem Aus- und Eingang, so wie jetzt, anlässlich des 50. Jubiläums, geht der Blick nach oben zu den Worten, die wie ein Wegweiser, der Heimschule Lender und St. Pirmin die Richtung vorgeben. Man möge es mir nachsehen, wenn ich bei dem großen zeitlichen Abstand mit einem freundlichen Blick auf unser ehemaliges »zu Hause« schaue, und wenig Anlass zur Kritik empfinde. In unseren Gesprächen mit einander und den Begegnungen bei den Jahrestreffen der Pirminer, wurde immer wieder deutlich, wie viel wir ehemaligen Seminaristen Sasbach verdanken. Mit dem Satz: »Sasbach, ein kleiner Ort in der Rheinebene«, lernten wir im Deutsch-Unterricht die Bedeutung einer Apposition kennen, mit deren Hilfe näher bestimmt wird, wo Sasbach liegt; eben nicht auf der Höhe wie „Sasbachwalden“, sondern zu Füßen der Berge in der Nähe von Achern in Mittelbaden. Der Ort mit katholischer Kirche ist landwirtschaftlich geprägt und kann mit einigen Gasthäusern aufwarten, deren reichliches Angebot an Speisen und Weinen Pirminer und Besucher zu schätzen wissen. In der Ortsmitte, etwas abseits der belebten Straße, unweit des Friedhofes, lag der langgestreckte, rechteckige Bau des Seminars. Über eine einladend breite Treppe gelangte man durch die meist offene Pforte zu den vielen, zweckmäßig eingerichteten Zimmern der Seminaristen. Zu unserer Zeit befand sich im Eingangsbereich ein Mosaik, das den Patron des Hauses, »St. Pirmin«, darstellte, der zu seiner Zeit segensreich im Süden Deutschlands wirkte, und einige Klöster gründete. Im Untergeschoß lud eine kleine Kapelle mit Tabernakel, zu Gebet und Meditation ein. In Silber getrieben, zeigte dort Johannes der Täufer mit ausgestrecktem Arm, auf den, der nach ihm kommt. In einigem Abstand davon, befand sich unser oft gut frequentierter Gemeinschaftsraum, in dem wir auch mit Seminaristen aus anderen Kursen ins Gespräch kamen. Fuhr man mit dem Auto in einer kleinen Schleife vor das Seminar, dann stand man direkt vor dem Wohnhaus des Rektors und dessen Diensträumen.

Die lange Zeit der Vorbereitung auf den Eintritt in das Seminar, verbunden mit der bangen Frage, ob ich die Aufnahmeprüfung bestand und die Zustimmung des Erzbischöflichen-Ordinariats in Freiburg erhielt, war zu Ende. Es fiel mir ein Stein vom Herzen, als ich die Postkarte mit dem Bild des Gebäudes und der Nachricht von Rektor Oberle in Händen hielt, mich am 2. Mai 1962 in Sasbach einzufinden. Am gleichen Tag wurde ich in Abwesenheit, nach über fünfjähriger Tätigkeit als Stadtrat in Rheinfelden (Baden), aus dem dortigen Gremium verabschiedet. Es schien mir im Hinblick auf meinen Berufswunsch durchaus nützlich, über kommunalpolitische Erfahrungen zu verfügen. Wir »Neuen« begannen unseren gemeinsamen Weg, wie später nach jeder Rückkehr aus den Ferien, mit einer Statio zusammen mit Rektor Oberle vor dem Pirmin-Mosaik im Eingangsbereich des Seminars, und begrüßten dann einander. Die zunächst überraschende Tatsache, dass ich bedeutend älter war, als die anderen Seminaristen, spielte im Alltag bei ähnlichen Aufgaben und Problemen, bald keine Rolle mehr. Ich richtete mich in dem mir zugewiesenen Zimmer ein, und fand einen gut einsehbaren Platz für das Geschenk meiner ehemaligen Kollegen einer Bauunternehmung: Eine als Kreuzigungsgruppe gestaltete Wandtafel aus Bronze. Anderntags nahmen wir zum ersten Mal am Unterricht teil. Alles war bestens vorbereitet. Dies galt übrigens für die ganze Schulzeit. Zum Stil der Schule, gehörte eine präzise Planung, die es ermöglichte, nach längeren Unterbrechungen, wieder punktgenau und ohne Störungen, mit dem Unterricht zu beginnen. Ob unsere Lehrer, nach längerem Urlaub, tatsächlich so ausgeruht und frisch waren, wie sie uns erschienen, bleibt deren Geheimnis. Bei uns Spätberufenen war der erste Schultag von gemischten Gefühlen und der Frage begleitet, was auf uns zukomme? Wir konnten uns die Lehrer ja nicht aussuchen. Würden sie sich auf uns und wir so auf sie einstellen können, dass mit günstigen Bedingungen zum Lernen zu rechnen wäre? Aus unterschiedlichen beruflichen Aufgabenbereichen, schlüpften wir Spätberufenen ja fast übergangslos wieder in die Rolle von Schülern, die sich auf die ersten Klassenarbeiten vorbereiteten und gespannt waren, ob das Leistungsvermögen ausreichte, um dem Unterricht folgen zu können. Ich beruhigte mich aber wieder, als ich mit einem ersten, ordentlichen Zeugnis, in die anstehenden Sommer-Ferien entlassen wurde.

Mit Rektor Oberle hatte ich während der Jahre in St. Pirmin oft Gespräche zu führen. Meine damalige Aufgabe als Klassen- und Haussprecher gab dazu Anlass. Unsere persönliche Beziehung war von Respekt und Wohlwollen getragen, das auch seine Schwester einschloss, die ihm den Haushalt führte. Rektor Oberle war für uns in seiner unaufdringlichen Präsenz, ein priesterliches Vorbild, der unser Wohl und Wehe beständig im Auge behielt. Wir schulden ihm alle Dank dafür, dass er, wie ein guter Kamerad, auf Schritt und Tritt an unserer Seite ging. Im anregenden, lebendigen Religionsunterricht, lernten wir ihn näher kennen. Er hatte für unsere Probleme und schulischen Sorgen stets ein offenes Ohr, und ließ selbst dann, wenn ihm Grenzen gesetzt waren, Verständnis und Anteilnahme für uns spüren. Rektor Oberle bestätigte im Schulalltag, dass man mit ihm für den Dienst in St. Pirmin eine gute Wahl getroffen hatte: Als Erster spazierte er morgens um unser Haus. Wir konnten sicher sein, dass er unsere Anliegen in sein Breviergebet einschloss. Wenn ich spät abends, müde und ausgelaugt, in der Hauskapelle vor dem Allerheiligsten kniete, um dem Herrn Freude und Not anzuvertrauen, kam er still und leise, wie es seine Art war, und kniete sich als Letzter hinter mich. In diesen stillen Stunden habe ich unseren Rektor lieben und schätzen gelernt, und mich später oft an unser gemeinsames Beten erinnert. Nie ergab sich die Notwendigkeit oder Gelegenheit, ihm zu sagen, wie viel er mir als Freund und Priester bedeutete. Konnte ich doch, ohne seine reale Präsenz, so wie jetzt, oft ein tröstendes Wohlwollen spüren, als bete er einfach, wie früher, still und leise hinter mir. Ich schaue aus dem Fenster und sehe ihn kommen: Mit raschen, zügigen Schritten, strebt ein schlanker, sportlich wirkender Mann, in aufrechtem Gang der Wohnung von Rektor Oberle zu. Dieser erwartet ihn mit einem einladenden Lächeln. Eine Position, die zu unserem Rektor passte; bei offener Türe auf der Schwelle zu stehen, und dem Gast einen Schritt entgegen zu kommen. Der Besucher, mit auffallend kurzem Haarschnitt und akkurat gezogenem Scheitel, trägt eine Aktentasche bei sich. Man hätte ihn für einen Offizier in ziviler Kleidung halten können, der zum Rapport strebt. Die Begrüßung der Beiden war kurz und herzlich. Ihre Gesten vermittelten den Eindruck, als ob sie sich gut kannten und in ihren Angelegenheiten an einem Strang zogen. Die nachfolgenden Begegnungen und Erfahrungen mit Dr. Guldenfels, unserem schulischen Leiter, bestätigten diesen ersten Eindruck: Es sprach sich unter allen Seminaristen herum, dass er fähig und bereit war, uns schulisch so zu fördern und zu fordern, dass wir Lust bekamen, mit einander um die Plätze zu rangeln, unser Leistungsvermögen zu erproben und einzusetzen. Er blieb sich und seinem hohen Anspruch, uns Spätberufene mit dem bestmöglichen Rüstzeug zu einem erfolgreichen Studium auszustatten, treu. Am guten Ruf des Seminars und an den ausgezeichneten Ergebnissen der Abiturienten St. Pirmins, hat unser schulischer Leiter, sein kompetentes Lehrerkollegium und Rektor Oberle, erheblichen Anteil. Dr. Guldenfels übernahm zu all seinen vielfältigen Aufgaben als Schulleiter, während vieler Jahre die Redaktion des »Sasbacher«. In unserer Schulzeit und in den Jahren danach, half uns dieses jährlich erscheinende Buch, das Geschehen in der Heimschule Lender und in St. Pirmin zu verfolgen. Die vielen, von ihm selbst geschriebenen Artikel, gaben Einblick, wie sehr er seine Kollegen schätzte, die konzeptionelle Entwicklung der Schule förderte, seine vielfältigen Interessen einbrachte, und auf eine repräsentative Darstellung gesellschaftlicher Ereignisse im Schuljahr Wert legte. In allen, »meist kurzen Gesprächen«, die wir mit einander führten, erwies sich Dr. Guldenfels als engagierter, wertebewusster, katholischer Christ, der seinen Aufgaben verpflichtet, wenig Neigung verspürte, von sich selbst zu sprechen. Umso mehr verstand er es, in seinen Beiträgen und Nachrufen, die Fähigkeiten und Verdienste der Menschen zu würdigen, die sich im Geiste des Gründers der Heimschule, »Xaver Lender´s«, in der Förderung der Schüler ausgezeichnet hatten. In der Festschrift: »25 Jahre Seminar St. Pirmin (1959-1984)« empfahl er den Seminaristen, alle körperlichen und seelischen Kräfte zu wecken, und sich mutig den Aufgaben des Tages zu stellen. Die Worte des heiligen Thomas von Aquin in der Sequenz des Fronleichnamsfestes: »Quantum potes, tantum aude!« sollten Devise für sie sein. Eine Geisteshaltung, die nicht nur Spätberufene beflügeln könnte. Eine Begegnung mit Dr. Guldenfels, sprengte den üblichen Rahmen: Es war unter uns Seminaristen bekannt, dass er großen Wert darauflegte, alle zum Abitur gemeldeten Schüler, mit möglichst optimalen Ergebnissen zu diesem Ziel zu führen. Wir besprachen uns daher im Kurs und waren unsicher, ob einer unserer Freunde dazu zählen würde. Auf unsere dringende Bitte hin, war der Schulleiter zu einem Gespräch mit uns bereit. Wir verwiesen in einem »herben Dialog unter Männern« nachdrücklich auf die Stärken unseres Freundes, und den unverzichtbaren Wunsch des Kurses, unseren Klassenkameraden zum Abitur zuzulassen. Er wurde zugelassen und schaffte die Reifeprüfung, wie wir es erwartet hatten.

Mit der Entscheidung, das Abitur nachzuholen, hatte sich unser Leben nicht total verändert. Es dauerte jedoch eine Weile, bis uns die Aufgaben eines Seminaristen in Schule und Alltag vertraut waren. Durch Gespräche in den Ferien konnten wir erfahren, dass auch die Menschen im heimatlichen Umfeld an unserem Vorhaben regen Anteil nahmen und -wie wir- Zeit brauchten, unsere Absicht, Priester zu werden, zu verstehen. Es war ermutigend, zu erleben, dass fromme
Christen hinter uns standen, die mit und für uns beteten und Hoffnungen auf uns setzten: Manchmal kam die eine oder andere Frau etwas verlegen auf mich zu und übergab mir einen Umschlag mit Geld. Andere Personen äußerten Respekt vor unserer Entscheidung und interessierten sich für die Schule, und das vor uns liegende Studium. Ich war als ehemaliger Stadtrat ja gewöhnt, mit vielen Menschen im Gespräch zu sein, sodass ich es verstehen konnte, öfters angesprochen und zu meinem Vorhaben befragt zu werden. Ich sitze nach den Ferien wieder im Zug Richtung Achern, mit einem großen Koffer, den meine Mutter, wie immer, fürsorglich mit Wäsche und Kleidung für die nächsten Wochen füllte. Die Gedanken fliegen erwartungsvoll voraus: Ob ich die Vokabeln genug wiederholt hatte? Dies würde sich ja in den nächsten Latein-Stunden herausstellen. Wie es meinen Klassenkameraden in den Ferien ergangen ist, werde ich sicher bald erfahren. Was wird im Unterricht auf uns zukommen? Ein mulmiges Gefühl legte sich bei den letzten Überlegungen kurzfristig wie ein Schatten auf die Magengegend. Dann aber obsiegte die Vorfreude, alle Freunde wieder zu sehen und näher kennen zu lernen. Ich leistete mir den Luxus, mit dem schweren Koffer in einem Taxi vom Bahnhof Achern nach Sasbach zum Seminar zu fahren. Unser Rektor stand unter der Türe seiner Dienstwohnung. Ein Lächeln auf seinem Gesicht ließ erahnen, dass wir erwartet werden. Der Hirte konnte sich entspannen, denn alle seine Schafe kamen wohl behalten zurück. Es herrschte wieder ein reges Treiben im Seminar. Wir räumten unsere Koffer aus, richteten uns in der vertrauten Umgebung wieder ein, und begrüßten uns gegenseitig. Es gab viel zu erzählen. Wir wunderten uns nur das erste Mal, dass am Tag nach den Ferien, der volle Unterricht wieder störungsfrei, und ohne Unterbrechung begann. Von der arbeitsintensiven Planung und Vorbereitung, die wir der Schulleitung zugutehalten müssen, bekamen wir nichts mit. Unsere Lehrer wirkten jedenfalls erstaunlich frisch. So war es möglich, unseren in den Ferien weniger angestrengt arbeitenden Gehirnen nach zu helfen und uns in kürzester Zeit wieder an konzentriertes Denken und Arbeiten zu gewöhnen.

Unser Lehrerkollegium bestand, ohne Ausnahme, aus sehr fähigen Pädagogen, die es gut verstanden, mit älteren Schülern zu arbeiten und uns zu fördern. Galt es doch, der Kurzschuljahre wegen, uns in nur fünfeinhalb Jahren auf die Reifeprüfung vorzubereiten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, möchte ich mit einigen markanten Szenen, einen Einblick in unseren Schulalltag und das Leben in St. Pirmin gewähren. Es sollte aber vorab darauf hingewiesen werden, dass an unserer Schule vor allem auf die geisteswissenschaftlichen Fächer wie Latein, Griechisch, Deutsch, Geschichte und Religion, Wert gelegt wurde. Dies bedeutete aber keineswegs, dass naturwissenschaftlicher Unterricht wie Mathematik, Physik, Chemie und Biologie, zu kurz gekommen wären. Selbst das Fach Bildende Kunst war mit Toni März, einem regionalen Künstler, hervorragend besetzt: Unser temperamentvoller Kunstlehrer war mittelgroß. Eine
Baskenmütze, sein Erkennungszeichen, die er beständig über seinem schlohweißen Haar trug, unterschied ihn auch äußerlich von seinen Kollegen. Toni März wirkte mit seinen lebendigen Augen, dem ausdrucksstarken, von einem weißen Bart umrahmten Gesicht, den lebhaften Bewegungen seiner Arme, filigranen Hände und Finger, mit denen er seine Worte unterstrich, selbst wie ein ansprechendes Kunstwerk. Wenn er ihn interessierende Fragen beantwortete, lebte er förmlich auf, war mit Leib und Seele bei der Sache und ließ sein umfangreiches Wissen über gesellschaftliche, politische, religiöse und künstlerische Zusammenhänge aufblitzen. Er war in seinen verbalen Erklärungen genau so kreativ und anregend, wie in seinen Bildern. Manchmal ergaben sich im Kunstunterricht so anregende Gespräche, dass wir, um nichts zu versäumen, freiwillig auf die uns zustehende Pause verzichteten. Toni März verstand es auf vielfältige Weise, unsere eigenen Interessen an Kunst zu wecken und zu fördern. Dr. Zimmermann, einen pensionierten Lehrer der Heimschule Lender, lernte ich erst in Sasbach näher kennen. Einer seiner Neffen, der mir aus der Zeit in Rheinfelden bekannt war, machte mich auf ihn aufmerksam, sodass ich ihn in seiner Wohnung gelegentlich besuchte. Er war damals hoch betagt, von eher gebrechlicher Gestalt, und trug einen etwas schütteren, weißen Vollbart, der mich an einen greisen Chinesen erinnerte. Trotz diverser körperlicher Beschwerden, war ihm eine bemerkenswerte, geistige Frische zu eigen. Wenn ich ihn besuchte, lag er meistens auf seinem Sofa, umgeben von Büchern seiner reichhaltigen Bibliothek und war damit beschäftigt, als Lektor der Schule, Texte zu bearbeiten. Im anregenden Gespräch mit mir, war er oft so engagiert, dass ich den Eindruck gewann, sein ganzer Körper vibriere mit und verstärke Worte und Sätze. Er entließ mich nie, ohne mich reichlich mit Nüssen zu versorgen, die er als »Gehirnnahrung« empfahl. Über seinen Neffen hatte ich erfahren, dass er im ersten Weltkrieg als Meldegänger eingesetzt war und sich zeitlebens gern bewegte. Wenn er in der Nähe der Schule auf seiner »Rennstrecke« Richtung Turenne – Denkmal in kleinsten Schritten unterwegs war, seine Taschenuhr in Händen, um die Zeit zu nehmen, war er nicht ansprechbar. Wer es dennoch versuchte, bekam zu hören: » Keine Zeit, ich bin beim Sport! « Dieser geistig rege und interessierte alte Mann, hat mich sehr beeindruckt. Kein Wunder, dass sein Neffe, ein Vegetarier, in der Spitzengruppe der über 80-Jährigen heute noch erfolgreich an Marathonläufen teilnimmt. Ein bedeutender Förderer der Heimschule und des Seminars war unser
Mathematik-Lehrer Otto Zug: Ein eher kleiner, beleibter, geistig vitaler Schwabe, der als Junggeselle alle seine Fähigkeiten und Beziehungen in den Dienst der Schule stellte. Er besaß unter anderem reichhaltige, kunstvolle Sammlungen verschiedener Tischdekorationen, die er bei gesellschaftlichen Anlässen der Schule und des Seminars gerne zur Verfügung stellte. Er konnte knitz lächeln, wenn man ihn belobigend auf die teueren, kunstvollen Gegenstände ansprach. Otto Zug kannte sich in der Gemeinde Sasbach, sowie in den im Rat vorherrschenden politischen Tendenzen gut aus, und nutzte seine ökonomischen Kenntnisse, bei Verhandlungen mit der Gemeinde, im Interesse der Schule mit schwäbischem Geschick, und allseits bekannter Beharrlichkeit. Als erfahrener Mathematik-Lehrer verfügte er über besondere pädagogische Fähigkeiten, abstrakte Zusammenhänge so bildhaft und aktivierend zu behandeln, dass seine Schüler solche Szenen ein Leben lang nicht mehr vergessen konnten: Er kam eines Tages in den Unterricht und rief Jochen zu unserer Überraschung nach vorne. Jochen war gewiss kein reines Lämmchen. Wir fanden aber trotz unseres angestrengten Bemühens mit Signalen und Blickkontakten, nicht heraus, was er verbrochen haben könnte. Unser Lehrer schien die Erregung im Klassenzimmer zu bemerken, und mit einem zufriedenen Lächeln zu genießen. Dann rief er Josef nach vorne und stellte beide neben einander. Ohne Zweifel, Jochen war ein ganzes Stück kleiner als Josef. Darauf verwiesen auch die Gesten von Herrn Zug. Pause, was nun? Und dann eine fragende Handbewegung unseres Lehrers mit seinem berühmten »T´ja?« Worauf wollte er hinaus? Herr Zug holte hinter seinem Pult einen roten Zylinder hervor, setzt ihn Jochen auf den Kopf und erklärte uns, als stünden wir vor einer großen Entdeckung: »Jochen, plus Zylinder, ist jetzt gleich groß, wie Josef, ohne Zylinder.« Auch bei mathematisch weniger begabten Schülern, machte es fast hörbar »klick«, denn unser Lehrer hatte uns für alle Zeiten klar gemacht, was eine Gleichung sei. Wir waren uns sicher, dass unser realitätsbezogener, praktisch aus gerichteter Mathematik-Lehrer ein frommer Mann sei. Es gelang ihm, uns immer wieder davon zu überzeugen. Wo möglich, versuchte er Brücken zwischen mathematischen und religiösen Fragen zu bauen: Wir waren beim Thema »Parallelen«. Er verwies auf eine Zeichnung, die Parallelen an der Tafel darstellte. Dann drehte er sich um, ließ eine Pause entstehen und wirkte, wie jemand, der dabei ist, eine Entdeckung zu machen: »Das, erklärte er, und verwies auf die Zeichnung an der Tafel, sind Parallelen«. Er drehte sich langsam zu uns um und deutete mit Handbewegungen und seinem bekannten »T´ja« an, dass da noch etwas war. Nach einer Pause folgte dann die Frage: »Und wo schneiden sich die Parallelen?«, um dann verschmitzt hinzu zu fügen: »Etwa beim lieben Gott?« Wir versuchten zu verstehen: Einen mathematischen Gottesbeweis hatte unser Lehrer nicht erbracht und wollte das auch nicht. Ihm ging es um mehr. Er bezeugte uns mit dieser Geste, seinen Glauben an die Existenz Gottes. Wir wurden nachdenklich, denn wir waren ja unterwegs, um einmal selbst als glaubwürdige Zeugen, Menschen zu Gott zu führen. Bis dahin war aber noch ein weiter Weg und es bedurfte tatkräftiger Hilfe guter Menschen und deren Glaubenszeugnis, um uns auf unserem Wege beizustehen.

Wir Seminaristen lernten uns gegenseitig in Schule und Alltag näher kennen. Jeder von uns im Kurs, hatte besondere Stärken und Schwächen. Da wir mehrere Jahre zusammenwohnten, lebten und lernten, wuchsen wir, wie selbstverständlich, zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen. Dies wurde auch bemerkt. Manche sprachen von einem »Wunderkurs?« Als Ältester entwickelte ich freundschaftlich-fürsorgliche Gefühle zu meinen Klassenkameraden. Manche nannten mich gelegentlich Papa. Ich musste diese „liebevolle Anrede“ nicht zurückweisen. Saßen wir doch alle, ohne Ausnahme, im gleichen Boot, von ähnlichen Sorgen und Fragen umgetrieben. Jeder durfte und konnte seine speziellen Talente einbringen. Wir brauchten diese guten Gaben Gottes in allen Formen: Oft hat uns Gerhard sonntags mit Musik geweckt, in seine Verehrung Mozarts einbezogen, und uns auf den anschließenden Gottesdienst in der Heimkirche eingestimmt. Er verfügte auch über ein unerschöpfliches Repertoire an Witzen. Witze zu jeder Gelegenheit – und er konnte sie perfekt erzählen. Wenn ihm ein geneigtes Publikum zuhörte, lief er zur Hochform auf. Wer diese Fähigkeit Gerhards schätzte, konnte erkennen, dass er seine Witze liebte, die Pointen geschickt ansteuerte, den Beifall genoss, dabei ein Pokergesicht aufsetzte, und mit einem verschmitzten Lächeln die Zuhörer anregte, noch einige Witze hören zu wollen. Wo und wie einige Freunde von uns an Wochenenden die freie Zeit zur Erkundung der Umgebung nutzten, wann und wie sie zu später Stunde wieder unauffällig ins Seminar zurückkehrten, blieb mir größtenteils verborgen. Ich hatte aber auch Lust, meine freie Zeit nicht im Hause abzusitzen: In einer Zeitungsanzeige machte der Besitzer eines nahegelegenen Gestüts darauf aufmerksam, dass es zu günstigen Konditionen möglich wäre, bei ihm zu reiten. Jochen erklärte sich bereit, mit mir das Angebot zu prüfen. Wir rechneten fest damit, einen größeren Teil unseres Kurses für diese Idee gewinnen zu können, falls wir einen passablen Preis für das Reit-Vergnügen aushandeln könnten. Wir waren guter Dinge und marschierten los. Nach einiger Zeit fanden wir die Ortschaft – nicht sehr groß – nur das Gestüt konnten wir nicht entdecken. Schon wollten wir enttäuscht umkehren, da bemerkten wir ein Bauernhaus, an das sich ein merkwürdiger Zaun aus Schilfrohr anschloss. Hinter dem Zaun befand sich eine freie Fläche auf der tatsächlich ein Pferd und ein Maulesel standen. Es kam ein Mann auf uns zu, der sich als Besitzer des »in der Tat sehr kleinen Gestütes« vorstellte. Blitzschnell erfassten wir die Lage: Dieses Angebot war nicht geeignet, um unserem Kurs Reiterfreuden zu ermöglichen. Wir disponierten um und erklärten, dass wir reiten wollten. Damit hatte der Besitzer offensichtlich gerechnet. Er war sehr bemüht, unsere Fragen zu beantworten, als befürchte er, die »seltenen Interessenten« könnten sich unzufrieden wieder abwenden. Wir hatten aber keine Lust, nach dem längeren Fußmarsch, einfach aufzugeben. Eher lockte uns die Chance, unter den gegebenen Umständen einen günstigen Preis für die Reitstunde aushandeln zu können. Wir einigten uns, wie erwartet. Dann musterte der »Reitlehrer? « uns und erklärte: » Sie, er deutete auf mich, reiten auf dem Pferd, und Sie, damit meinte er Jochen, als „Leichtgewicht“ auf dem Maulesel! « Irgendwie kamen wir in die Sättel und wurden einige Runden an der Longe im Kreis geführt. Der Besitzer beobachtete uns und stellte fest, dass ich reiten könne. Ich war überrascht, denn ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich ein Pferd „lenken“ sollte. Ich entgegnete: »Reiten könne ich nicht, ich hätte aber schon einige „Western-Filme“ gesehen und sei als Schlagzeuger mit einem sicheren „Rhythmusgefühl“ ausgestattet. Das war es dann schon. Bald darauf ritten wir aus und es fühlte sich gut an, hoch zu Pferden zu sitzen. Vor mir ritt oder trippelte Jochen mit dem Maulesel. Es war ein Bild für die Götter. In meiner Fantasie gab ich Jochen eine Lanze und ein Schild und fertig war »Don Quijote«. Diese Vorstellung drängte sich spontan so sehr auf, dass ich das Lachen nicht mehr unterdrücken konnte. Die Schadenfreude dauerte allerdings nicht lange: Mein Pferd setzte aus mir unbekannten Gründen zum Galopp an, und blieb plötzlich, indem es die Vorderbeine schräg anstemmte, aus vollem Lauf, wie angewurzelt stehen. Ich hatte keine Schwierigkeiten aus dem Sattel zu kommen, denn mit einem Salto über den Kopf des Pferdes landete ich in einer lehmigen Wasserpfütze. Ich drehte mich verblüfft um und hatte den sicheren Eindruck, als ob das Pferd mich an- oder gar auslachte. Größeren Schaden hatte ich nicht genommen, doch allen Anlass, mich mit dem beschmutzten und feuchten Hinterteil nach Hause zu begeben. Zeit, mich umzuziehen, hatte ich nicht. So zog ich, feucht und verdreckt, wie ich war, mit Jochen zusammen in den Speisesaal ein. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von meiner missglückten Reitstunde von Tisch zu Tisch und sorgte für entsprechenden Spott und Gelächter. Jochen war auch ein begabter Situationskomiker. Er brauchte dazu nur einige Gläser Bier, ein interessiertes Publikum, das ihn anfeuerte, und einen ebenso fantasiebegabten Mitspieler. Wenn er hierzu mit Günter eine spontane Nummer zum Besten gab, konnte man sich nicht mehr halten. Jochen verstand es, mit seinem ansteckenden Humor, uns oft die Alltagssorgen von der Stirn zu wischen, wie eine Mutter ihrem Kind die Schmerzen, mit dem »Heile-Segen«. Unser Rektor hätte es sicher damals genau so gern gewusst, wie ich heute, wer von uns dabei war. Ich habe aber nur noch vage Erinnerungen, dass nach einer ausgiebigen und reichlich feuchten Sitzung im »Rebstock«, die Gemüter der Beteiligten so erhitzt waren, dass zur mitternächtlichen Stunde ein Bad im Dorfbrunnen, das einzige praktikable Mittel schien, um uns Abkühlung zu bieten. Tatsache: Der Dorfbrunnen übte eine magische Anziehungskraft auf uns aus. Wir kamen auf dem Weg nach Hause einfach nicht an diesem, aus vollen Rohren Wasser speienden Brunnen vorbei. Irgendeiner von uns prüfte die Wassertemperatur, und schwupp, war er drin. Dieses Ereignis löste in uns ein unerklärliches Verlangen aus, ihm nacheinander wie die Lemminge zu folgen. Die »Badeanstalt« war groß genug, um uns allen Platz zu bieten; lediglich die Schwimmversuche scheiterten kläglich an den Wasserrohren. Nach dem Motto, »einmal über und dann wieder unter Wasser, wie ein Seehund«, überwanden wir die Barrieren. Nach der Abkühlung wurde uns klarer, was sich da eben abgespielt haben musste. Nass, fröstelnd, und mit grün eingefärbten Kleidern, standen wir da, wie begossene Pudel. Kein Zweifel, wer so aussah, musste dabei gewesen sein. Irgendwann stellten wir fest, dass es in unserem Kurs musikalische Begabungen gab. Manfred spielte Akkordeon, Jürgen Trompete, Jochen Gitarre, Bernhard Piano, und ich ergatterte mir ein Schlagzeug. Wir probten mit Begeisterung. Ein Glück, dass ich früher in mehreren Bands gespielt hatte und wusste, wie sich Musik anhören sollte. Ein hoher Maßstab an mich und die Musiker. Es war bald klar, dass der Anspruch gesenkt werden musste. Schließlich drängte es uns, aufzutreten, denn wir hatten ein ausreichendes Repertoire erarbeitet. Wir hatten zwar keinen Gesangssolisten, dafür aber Jürgen. Wenn er sein »Il selentio« mit der Trompete schmetterte, konnten wir des Beifalls gewiss sein. An Ave-Maria im mehrstimmigen Chor hatten wir lange gearbeitet, bis dieser Titel uns gefiel. Mit dem Schlager „Die besseren älteren Herrn, gehen mal gern auf ne Angeltour“, mit arrangiertem Chorgesang, fanden wir immer Zugang zum Publikum. Höhepunkt war ein Auftritt in Achern, bei einer Tanzveranstaltung, zu der wir geladen waren. Unser Rektor gab der Bitte nach und wurde nicht enttäuscht. Die »Kapelle Schwung« der Spätberufenen erlebte mit ihrem begeisternden Auftritt einen vollen Erfolg.

Mit Beginn der Obertertia nahmen die schulischen Anforderungen zu. Oft ging es für uns Spätberufene an die Belastungsgrenzen. Nur wenige Klassenkameraden mussten aber die Schule verlassen. Ich hatte zeitweise große Mühe mit »Griechisch«, der zweiten Fremdsprache, und nahm, etwas beschämt, das Angebot zur Nachhilfe an, um über diese Hürde zu kommen. In dieser Zeit stand ich, ohne mein Wissen, unter strenger Beobachtung unseres Kurses. Erst viel später erzählten mir meine »Freunde«, dass ich zur Nachhilfe immer auffallend ordentlich gekleidet aus dem Hause ging. Sie vermuteten, dies könne damit zusammenhängen, dass eine Griechisch-Lehrerin, die wir alle sehr schätzten, diese Aufgabe übernahm. Bei dieser Gelegenheit gestanden sie mir auch, dass sie sich untereinander verständigt hätten, mich zu loben, wenn ich Ihnen gelegentlich stolz meine neuesten Bilder zur künstlerischen Begutachtung zeigte. Dr. Effinger verstand es, in personifizierter Gelassenheit, uns in Deutsch und Geschichte effizient auf das Abitur vorzubereiten, für den Reichtum der Literatur zu begeistern und uns kritisch in geschichtliche Zusammenhänge einzuführen. In der Art, wie er Themenschwerpunkte auswählte, und im Dialog mit uns hierzu Position bezog, war zu erkennen, wie sehr ihm daran gelegen war, uns das christlich-humanistische Bildungsideal zu vermitteln. Obwohl er viele Jahre mit der Oberstufe arbeitete, blieb sein Unterricht erstaunlich lebendig. Man merkte ihm an, dass er von Dingen sprach, die ihm selbst viel bedeuteten. Wenn er, mit dem Oberkörper entspannt zurückgelehnt, hinter seinem Pult, seine langen Beine nach vorne schob, und den Oberlippenbart gelegentlich kraulte, hatte man das Bild eines Menschen vor Augen, der auch in schwierigen Situationen in der Lage schien, Ruhe zu bewahren. Sein schlankes, von Falten gegerbtes Gesicht, der stets wache Blick, die naturgewellten, noch dunklen Haare, passten zu dem großen, schlanken, nicht unbedingt sportlich, eher schlaksig wirkenden Mann. Sein Rat wurde auch im Kollegenkreis sehr geschätzt.

Als Klassen- und Haussprecher war ich oft gefordert, bei unterschiedlichsten Anlässen einige Sätze zu sagen. Gelegentlich belustigten sich meine Freunde auch, wenn sie mich mit vereinten Kräften lauthals aufforderten: »Franz, sag was! « Ich habe diesen leichten Spott, ohne Schaden zu nehmen, überstanden. Ein Ereignis blieb mir aber besonders in Erinnerung: Der hochwürdige Herr Erzbischof von Freiburg mit seinem Gefolge, war zu einer Besichtigung des Schulneubaues angesagt. Ein besonderer Festtag für die Heimschule und unser Seminar. Die Erwartung des hohen Gastes und die Vorbereitungen für seinen Empfang erregten bereits Tage zuvor die Gemüter der Schulleitung, des Lehrerkollegiums, und leicht abgeschwächt, auch der Schüler. Man spürte Anspannung in allen Bereichen der Schule, galt es doch den Festtag so zu gestalten, dass unsere Gäste mit einem guten Eindruck und der Gewissheit nach Hause fahren konnten, Investitionen in Sasbach lohnten sich. Mir oblag es, der hohen Geistlichkeit als Schülervertreter für die wohlwollende Unterstützung in jeder Form zu danken. Ich musste davon ausgehen, dass zum offiziellen Empfang außer den Gästen aus Freiburg, alles was Rang und Namen hatte in der Heimschule, St. Pirmin, der Öffentlichkeit, Politik und Presse etc., einen exzellenten Rahmen bilden würden, vor dem ich zum ersten Mal zu sprechen hatte. Bei diesen Überlegungen war mir nicht ganz wohl zumute. Es half aber nichts; ich musste mir einige Sätze einfallen lassen und hoffte sehr, dieser Aufgabe gewachsen zu sein. Einigermaßen vorbereitet, saß ich als Redner in der ersten Reihe der Aula, und bekam in meiner Aufregung nicht mehr mit, was sich an Prominenz in den vielen Reihen hinter mir eingefunden hatte. Die Spannung steigerte sich, denn die Besichtung des Neubaues nahm mehr Zeit in Anspruch, als vorgesehen war. Das Herz schlug mir bis zum Halse. Dennoch versuchte ich, gelassen zu wirken und harrte der Dinge, die auf mich zukommen würden. Nach beunruhigend langem Warten, betrat der Erzbischof mit seiner Begleitung den Raum. Es dauerte zum Glück nicht mehr lange, bis zu meinem Auftritt: Als ich schließlich dem Erzbischof gegenüberstand, schien er mir klein und schmächtig, gar nicht groß und erhaben. Seine Hände, in denen er ein Programm hielt, zitterten mächtig. In diesem Augenblick überfiel mich ein großes Mitleid mit dem Hirten der Diözese. Sein Zittern berührte mich. Ich hatte so etwas nicht erwartet. Die Spannung wich wie ein Wunder momentan von mir. Meine Worte kamen bei dem Erzbischof an. Er bedankte sich. Eine Last fiel von meinen Schultern, als Beifall einsetzte, der mir zeigte, dass ich im Sinne der Anwesenden gesprochen hatte.

Das Ziel unseres Aufenthaltes in Sasbach, die Reifeprüfung, rückte immer näher. Wir waren in der Oberprima in allen Fächern angestrengt dabei, uns auf das Examen vorzubereiten. Gleichzeitig wussten wir, dass es galt, in absehbarer Zeit Abschied von unserem zu Hause in St. Pirmin, und der uns lieb gewordenen Region um Sasbach zu nehmen. In Gruppen wanderten wir in der karg bemessenen Freizeit nach Sasbach-Ried und hinauf auf die Höhe nach Sasbachwalden, um dort bei einem Imbiss und dem vorzüglichen Wein, Abstand von den Prüfungsvorbereitungen zu gewinnen und mit
frohen Liedern nach Hause zu wandern. Mehr, als je zuvor, bestürmten wir unsere treuen Schutzengel, den Herrn und die Gottesmutter in unseren Gebeten, Gottesdiensten und Wahlfahrten, uns auf unserem Weg zur Seite zu stehen. Wir wussten, unser guter Wille und die Vorbereitungen können nur zum Ziel führen, wenn Gottes Segen uns hält und trägt. Es lagen aber noch anstrengende Monate vor uns. Jeder kannte seine Schwächen, an denen er noch zu arbeiten hatte. So weit es an uns lag, halfen wir uns auch gegenseitig. Ich hatte den Eindruck, als ob mich Herr Serrer, unser Chemielehrer, der nicht viel älter war als ich, im Unterschied zu meinen anderen Kameraden, seltener abhörte. Er musste mich aber benoten und ich rechnete fest damit, dass er mich nicht verschonen würde und mein Wissen in Chemie prüfen werde. Die kritische Selbsteinschätzung erlaubte mir, keine großen Hoffnungen auf Erfolg in diesem Fach. In meiner Not, bat ich meinen Freund Manfred, der in Chemie sehr erfahren war, mir Nachhilfe zu geben. Die Zeit drängte, denn andern tags rechnete ich mit der mündlichen Prüfung. Manfred sagte zu und wir trafen uns zu diesem Vorhaben für einige Stunden in Gottes freier Natur, am Vortag der erwarteten Prüfung. Wir beide kannten uns gut, sodass ich es ohne Scheu wagen konnte, meinem Freund reinen Wein einzuschenken. Ich hatte tatsächlich Chemie stiefmütterlich behandelt, um Zeit für die Kernfächer zu gewinnen. Manfred begann mich schonend abzufragen, bemerkte aber bald, dass meine Kenntnisse äußerst dürftig waren. Er kommentierte: Mit Schwächen habe er gerechnet, aber keineswegs mit einem derartigen Minimum an Fachwissen. Dennoch ging Manfred mutig daran, mich in Chemie zu präparieren. Dies gelang ihm auf erstaunlich gute Weise. Ich entwickelte nach dieser Prozedur die etwas überhebliche Vorstellung, in diesen wenigen Stunden wirklich etwas von Chemie verstanden zu haben. Darüber wunderten wir uns beide sehr. An meinen Fähigkeiten zu lernen, konnte es folglich nicht gelegen haben, sondern eher an der geringen Beschäftigung mit dem Thema. Wie befürchtet und erwartet, rief mich Herr Serrer am nächsten Tag in Chemie auf. Es tröstete mich zu sehen, dass es ihm sichtlich schwerfiel, mich zu examinieren. Die Prüfungsvorbereitung durch meinen Freund zeigte aber erstaunliche Wirkung. Weniger hilfreich schienen mir die Signale meiner Klassenkameraden, die ich nicht zu deuten vermochte. Mir erscheint es auch heute noch wie ein kleines Wunder, auf welch mysteriöse Weise ich zu einem guten Examen in Chemie gekommen bin. Herr Blechinger, ein großgewachsener, sportlich wirkender Lehrer, hatte die Aufgabe übernommen, uns in Mathematik auf das Abitur vorzubereiten. Im Hinblick auf die Kurzschuljahre gab es eine Sonderregelung. Wir hatten mit seiner Hilfe fünfundzwanzig mathematische Beweise zu erarbeiten, aus denen wir Abiturienten einige Aufgaben gestellt bekamen. Es war eine Menge zu tun, aber immerhin konnte man sich auf eine begrenzte Fragestellung vorbereiten. Auch weniger befähigte Mathematiker durften daher hoffen, an dieser Hürde nicht zu scheitern. Die letzte Phase der Vorbereitung auf die Reifeprüfung war nicht nur von einer zunehmenden Anspannung, sondern auch von der Erfahrung wohlwollender Begleitung geprägt. Die verschworene Gemeinschaft bewährte sich nicht nur in unserem Kurs. Die jüngeren Seminaristen, unser Schulleiter, der Rektor, die Lehrer, der Präfekt, Spiritual und die Schwestern waren im Geiste St. Pirmins am Gelingen unseres Vorhabens interessiert und trugen ihren je spezifischen Teil dazu bei, uns in den schwierigen letzten Wochen vor dem Abitur und während der Prüfungen zu unterstützen. Es lässt sich kaum beschreiben, welche Gefühle uns bewegten, 1967, nach fünfeinhalb Jahren, in einem feierlichen Festakt die Reifeprüfungszeugnisse in Händen zu halten. Noch einmal tauchte das Wort vom »Wunderkurs« auf, als die vielen Preise aufgerufen wurden, die wir gesammelt hatten. Mein Beitrag hierzu war der »Scheffel-Preis« des Volksbundes für Dichtung. Als Freund der deutschen Sprache und Liebhaber der Literatur, berührte es mich besonders, gerade diesen Preis zu erhalten.

Wir hatten alle mit vielen Fragen unseren Weg 1962 in Sasbach begonnen und nun, 1967, das Abitur, die Voraussetzung zum Studium, bestanden. Wieder ergaben sich andere Fragen und Hoffnungen: Wird es gelingen, auch das Studium der Philosophie und Theologie erfolgreich zu beenden, um unserem Ziel, Priester zu werden, ein weiteres Stück näher zu kommen? Den Text von Friedrich Schiller auf einer schön gestalteten Karte: »Wisset, ein erhabener Sinn, legt das Große in das Leben und er sucht es nicht darin«, haben sechzehn glückliche Abiturenten mit ihrem Namen unterschrieben, um die »frohe Botschaft« vom bestandenen Abitur weiter zu tragen. In Sasbach wurde aber auch Freundschaften geschlossen, Werte vermittelt und unser Glaube gefestigt. Ich bin sicher, dass uns für alles tiefe Dankbarkeit erfüllt, gegenüber den Menschen, die an diesem Erfolg beteiligt sind. Und es scheint mir, als ob meine Freunde ihrem alten Klassensprecher, wie früher, zurufen würdet: »Franz, sag was!« Ihr sollt das »Wichtigste« von mir hören. Ich sage es Euch, aber ich brauche Euch alle dazu: Jesus Christus, der Herr, hat jeden von uns einmal angesprochen, und uns in Sasbach zusammengeführt. Er war und bleibt der unbestrittene Mittelpunkt unserer und jeder christlichen Gemeinschaft. Wisst Ihr noch, wie wir gelegentlich vor dem ausgesetzten »Allerheiligsten« in der Heimkirche beteten? Könnt Ihr Euch vorstellen, dass wir auch heute, zusammen mit unserem Rektor, und allen Menschen, die uns lieb und teuer sind, in einer Kirche, die für die ganze Welt Platz hat, dem Herrn danken, Ihn loben und um Schutz und Beistand bitten? Hört Ihr mich jetzt singen? Ich stimme das „Tantum ergo…“ an. Und da geschieht ein Wunder: Unser Rektor Oberle zeigt uns die »Monstranz mit dem Herrn in Brotsgestalt« und erteilt uns den Segen.

Leider hat sich die Hoffnung, das Spätberufenenseminar ST. Pirmin in Sasbach zu erhalten, nicht erfüllt. Umso wichtiger wurde es für mich, noch einmal an unseren „Wunderkurs“ und die Arbeit all derer zu erinnern, die uns Seminaristen zum Abitur führten. Ich wollte auch Ihnen, liebe Leser, einen Eindruck vermitteln, was wir vermissen und uns damit trösten, dass Jungen und Mädchen heute noch in der Heimschule Lender in Sasbach, unter guten Bedingungen das Abitur erwerben können. Alle, die in ST. Pirmin zum Abitur geführt wurden, danken der Erzdiözese Freiburg, dass wir als Spätberufene noch studieren konnten, um als Priester oder in anderen Berufen segensreich zu wirken.

Geborgen in der Kirche
Geborgen im Glauben Hoffen und Lieben.

 

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